12/10/2015 - 11:06pm      23:06

Sie sind hier

ZWISCHEN ALLTAG UND ALBTRAUM – EHEPROBLEME IM STADTTHEATER BOZEN


Anna P.
0

921

0

5
4.05
Overall rating
Inhalt
3.9
Schauspiel/Gesang
4.4
Musik
4.6
Kostüme
3.8
Bühnenbild
4.7
Publikum
2.9
Deutsch

Wie entstehen Beziehungen? Wie entwickeln sie sich? Woran scheitern sie? Und wie werden all diese Aspekte von den Beteiligten wahrgenommen? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten sicher viele im Publikum, vorwiegend älterer Generation, als sie am 04. Dezember Trouble in Tahiti von Leonard Bernstein verfolgten. Eingeläutet wurde der Abend von der Kurzoper A Hand of Bridge von Samuel Barber. In nur einem Akt gaben die vier Protagonisten, zwei Paare bei einer Partie Bridge, Einblick in ihre Träume und Sorgen: sie sind geprägt von Konsum, Affären, Melancholie und Neid. Die Komplexität ihrer Beziehungen und Probleme spiegelt sich in der Musik wider, die ihre inneren Monologe untermalt.

Nach diesem Eröffnungsakt erlebten die Zuschauer einen Tag im Eheleben von Sam und Dinah: beim Frühstück, zufälligen Treffen auf der Straße und schließlich beim Abendessen wird eines klar: erfolgreiche Kommunikation findet bei diesem Paar nicht mehr statt. Der Zauber, der im Anfang ihrer Beziehung lag, ist lang verflogen und die beiden gehen sich lieber aus dem Weg, als ihre Probleme und Wünsche offen anzusprechen – nicht einmal, wenn es um den gemeinsamen Sohn geht, bemühen sie sich zu zweit. Dinah sucht in Therapiesitzungen nach Antworten und lässt sich vom Kinofilm Trouble in Tahiti begeistern, während Sam sich in Arbeit und Sport flüchtet. Innerlich sehnen sich jedoch beide nach vergangenen Zeiten und Liebe. Als eine Mischung aus Radio-Werbespot und moralischer Instanz lobpreist ein Jazz-Trio im Monroe-/Elvis-Stil zwischen einigen Szenen die amerikanische Einfamilienhaus-Vorstadt-Idylle, die im krassen Gegensatz zum wahren Leben von Sam und Dinah steht. Am Ende des Tages scheitern die beiden wieder beim Versuch, Probleme anzusprechen – es scheint, als seien sie an einem point of no return angelangt. Letztendlich gehen sie aber noch ins Kino, um gemeinsam Trouble in Tahiti zu sehen – für Dinah eine willkommene Gelegenheit zur erneuten Flucht in eine Traumwelt.

Bernstein macht es dem Zuschauer leicht, mit den beiden Eheleuten mitzufühlen – Melodie, Tonalität und Wortwahl bleiben nah an natürlicher Sprechweise, die Schauspieler kommen nah an die Zuschauer heran. Die Kostüme und die Musik der 50er sind authentisch und lassen einige im Publikum vielleicht in Erinnerungen an die eigene Jugend schwelgen. Das Haydn Orchester von Bozen und Trient unter der Leitung von Anthony Bramall unterstreicht Emotionen, untermalt Tagträumereien und hält sich im Hintergrund, wenn das Gesprochene besondere Bedeutung hat. Und wenn sich die Zuschauer nicht ohnehin schon in der ein oder anderen Situation wiedergefunden hatten, lieferten Video-Sequenzen zwischen den Szenen immer wieder Verschnaufpausen und Denkanstöße: mehrere Paare stellten sich vor und erzählten von ihrer Beziehung. Das Ergebnis war ein Rundum-Panorama von der Vielfalt von Beziehungen: jede Beziehung ist anders, durchläuft verschiedene Phasen, ist geprägt von verschiedenen Aspekten, kann sich in verschiedenste Richtungen entwickeln und von den einzelnen Personen auch unterschiedlich wahrgenommen werden. Das, was bei Sam und Dinah gescheitert ist, nämlich das Aussprechen und Austauschen dieser Wahrnehmungen – Kommunikation, also – kann als Beitrag zum besseren Verständnis zwischen den Partnern verstanden werden.

 

 

Fotos: Kai Rasmus Becker


Gesponserte Anzeigen


Suchen

Search form


Das Letzte Aus


Neueste Tweets