03/19/2018 - 10:41am      10:41

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NUR EINE BARBARIN? DIE KÖNIGSTOCHTER IN DER FREMDE


Andreas Vicinanza
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1
4.00
Overall rating
Bühne
3.8
Schauspieler
4.3
Beleuchtung
3.8
Inhalt
4.1
Deutsch

Was muss einer Frau zustoßen, damit sie so weit geht, jemanden aus ihrem engsten Umfeld umzubringen? Das Stück Medea der Vereinigten Bühnen Bozen beschäftigt sich mit einer umstrittenen mythischen Gestalt, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Medea, die Königstochter von Kolchis, hat sich in den Feind, dem Helden Jason, verliebt. Die Beziehung der beiden brachte jedoch einigen Menschen den Tod, und nun müssen sie fliehen. Ihr Ziel: Korinth, wo Jasons Ersatzvater Kreon als König herrscht. Hier hoffen Medea und Jason, Asyl zu erhalten.

Medea versucht, sich an die fremden Bräuche anzupassen – dass es ihr an Willen zur Integration fehlt, kann man ihr wirklich nicht vorwerfen. Trotz all ihrer Bemühungen stößt sie jedoch auf eine unüberwindbare Mauer. Keine Mauer aus Stein, sondern eine Mauer aus Hass, Vorurteilen und Gewalt. Niemand möchte in ihrer Nähe sein, da sie zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird und ihren Namen nicht reinwaschen kann. Die Menschen sehen in ihr nicht die Verbannte, die Verletzte – man sieht sie schlichtweg als eine Barbarin.

Sehr zu ihrem Verdruss muss Medea feststellen, dass ihr Mann Jason nicht mehr der ist, der er einst war: kein Held mehr, sondern ein kaltherziger, gewaltbereiter Mann. Während Jason sich in Kreusa verliebt, die Tochter Kreons, verfällt Medea dem Wahnsinn und die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller – bis zur unausweichlichen Tragödie.

Man kann Medea aus vielen Blickwinkeln betrachten: Es ist ein tragisches Ehedrama, eine Geschichte über das Streben nach Macht, eine Erzählung über Integrationsversuche und Abneigung. Besonders angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise hat dieser letzte Aspekt hohe Relevanz. Medea versucht sich in der ihr fremden Gesellschaft zu integrieren, doch gegen die Vorurteile, den Fremdenhass ist sie machtlos. Für kurze Zeit kann sie eine Freundschaft zu Kreusa aufbauen, doch äußere Umstände – die „reale Welt“ – machen die beiden zu Rivalinnen.

Bei den VBB stellten im Stück Medea fünf Schauspieler ihr Geschick unter Beweis – Marie-Therese Futterknecht übernahm die Hauptrolle der Medea. Die Bühne bestand aus einer geneigten Sandfläche, die durch eindrucksvolle Beleuchtung eine besondere Atmosphäre erzeugte. Am Anfang des Stücks fassen die Schauspieler im Chor zusammen, welche Ereignisse der Geschichte vorausgehen – eine nützliche Hilfe für das Publikum.

Medea ist der dritte Teil der Trilogie um das Goldene Vlies von Franz Grillparzer. Im Bozen führte Regisseurin Cilli Drexel Regie; das Bühnenbild stammt von Judith Oswald. Das Stück ist bis zum Samstag, 24. März, im Stadttheater VBB zu sehen.

Foto: Vbb - Marko Lipus

 


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