01/22/2018 - 11:49am      11:49

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WOHLFÜHLBLASEN UND ÄNGSTE: BISSIGE SATIRE IM THERMALBAD


Andreas Vicinanza
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145

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1
3.93
Overall rating
Bühne
4.0
Schauspieler
3.9
Beleuchtung
3.7
Inhalt
4.1
Tedesco

Was wünschen wir uns mehr, als uns zu erholen, uns abzuschotten vom Alltag und den Kopf in den Sand zu stecken? Doch was, wenn jemand unsere Erholung gefährdet? Oder eine Gefahr von außen droht? In seinem Theaterstück Der thermale Widerstand beschäftigt sich der österreichische Autor Ferdinand Schmalz mit diesen Themen.

Der thermale Widerstand spielt in einem Kurbad. Die Kurgäste wollen sich entspannen und ihre Sorgen vergessen. Beaufsichtigt werden sie von den Bademeistern Hannes und Walter. Besonders der idealistische Hannes nimmt seine Arbeit sehr ernst – und umso schmerzhafter ist der Zusammenstoß mit der Realität: Die ambitionierte Kurverwalterin Roswita plant, die Thermen in ein Luxusestablishment für Reiche zu verwandeln. Hannes beschließt, sich für die einfachen Kurgäste einzusetzen und Roswitas Pläne zu durchkreuzen. Dabei macht er sich nicht nur Roswita und Walter, sondern auch die Kurgäste, für die er kämpft, zum Feind…

Die Handlung hat, obwohl sie vielleicht im ersten Moment ironisch klingen mag, einen sehr ernsten Hintergrund. Das Kurbad – ein Ort der Entspannung – ist eine Metapher für Europa und die europäische Gesellschaft. Schmalz kritisiert das Bedürfnis nach Abschottung und das Verdrängen von wichtigen Problemen – ein Verhalten, das sowohl die Kurgäste als auch Europa an den Tag legen. Die Wohlfühlblase, wie Schmalz sie bezeichnet, bekommt in letzter Zeit Risse und droht zu zerbrechen. Das Stück zieht zahlreiche Parallelen zur Flüchtlingskriese und dem Verhalten der europäischen Gemeinschaft. Der Bademeister Hannes hingegen möchte ein neues System, ein neues Selbstverständnis – und das macht ihn in den Augen der anderen gefährlich.

Der Besucher des Stücks bemerkt sofort die aufwendige Bühneninszenierung. Der Einsatz von Wasser auf der Bühne, die Uhr, die verrücktspielt – dies und vieles mehr deuten auf eine große Liebe zum Detail hin. Die Leistungen der Schauspieler sollen an dieser Stelle selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben. Man bemerkt, dass die Darsteller ihre Rollen überzeugend spielen und sich in ihre Figuren hineinversetzt haben.

Ferdinand Schmalz spielt mit der Sprache, er baut in den Dialogen zahlreiche Metaphern ein, die mit dem Themenbereich „Wasser“ zu tun haben. Auch das Verhalten der Kurgäste ist eine Erwähnung wert – am Anfang an werden sie als individuelle Personen dargestellt, jeder mit seinen Eigenheiten und Marotten. Sobald ihnen jedoch das Wasser zum Hals steht, verlieren sie ihre Individualität und werden zu einem unerbittlichen, aggressiven Kollektiv. Das Theaterstück Der thermale Widerstand wurde von Ferdinand Schmalz geschaffen; bei den VBB führte Jessica Glause die Regie.

Das Stück ist bis zum Sonntag, 28. Januar, im Stadttheater zu sehen.

 

(Foto: VBB)


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